Fahrraddiebe

Montag, 7 September 2009, 22:49 | Kategorie: Stories |
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Fahrräder in China“Fahrraddiebe” ist ein italienischer Klassiker der Filmgeschichte von Vittorio de Sica aus dem Jahr 1948. Die Story ist im Nachkriegs-Rom angesiedelt und handelt – sehr grob zusammengefasst – von einem Tageloehner, der sich auf die Suche nach seinem geklauten Fahrrad begibt.

2001 gibt es eine Art Remake dieses Films: “Beijing Bicycle” ist eine chinesische Produktion von Wang Xiaoshuai, die das Geschehen nach China verlegt, nach Peking, Stand- bzw. Fahrort von 10 Millionen Fahrraedern. Die Story ist mehr oder weniger die gleiche, der Tageloehner natuerlich nun Chinese und das Fahrrad inzwischen ein modernes Mountain-Bike.

2005 verbringe ich ein halbes Jahr in eben diesem Peking. Zwar nicht als Tageloehner, sondern als Student, aber auch ich brauche ein Fahrrad. Neben der U-Bahnhaltestelle werde ich fuendig. Dort bietet ein Fahrrarhaendler auch ein Exemplar fuer meine Groesse an, in schniekem Silber. Nach einer zaehen Verhandlung bekomme ich den gewuenschten Korb gratis dazu und habe nun fuer 250 RMB mein erster Rad in China erstanden.

Gleich mache ich mich zu einer Erkundungstour durch den Haidian Distrikt auf, fahre vorbei an der Peking Universitaet, nach Zhongguancun und werde ob des warmen Wetters schnell durstig. Ich halte vor einem Supermarkt, schliesse mein Rad an ein Gelaender, gehe in den Laden, komme maximal 5 Minuten wieder mit einer Flasche Wasser raus und… “Ey Mann, wo is mein Fahrrad!?”

Tja, so kann’s gehen. Und leider wird es so noch mehrer Male gehen. Ganze fuenf Raeder habe ich waehrend eines Semesters in Peking besessen. Keines jedoch laenger als ein paar Wochen. Eines wird mir sogar von einem bewachten Fahrradparkplatz geklaut. Und das obwohl ich der mehr oder weniger wachsamen Security-Omi 5 Mao fuer ihren Wachdienst gezahlt habe. Versichert ist das Rad fuer die 5 Mao natuerlich nicht… Das letzte Rad kostet mich 40 RMB und mehr ist es auch nicht wert. Aber es erfuellt seinen Zweck: Es faehrt und es wird nicht geklaut. Letzteres mag am unattraktiven Aeusseren liegen, denn die Gurke sieht so schaebig aus, dass der Dieb wohl nicht das Risiko eingehen moechte, mit so einem moeglicherweise fahruntuechtigen Rad die Flucht ergreifen zu muessen.

Verloren hab ich es zum Schluss dennoch, weil ich damit irgendwann zu einer Party fuhr und mich einige Stunden spaeter – es morgengraute schon – partout nicht dran erinnern konnte, wo ich es denn bloss abgestellt hatte….

2009. Die Zahl der Fahrraeder auf den Strassen hat merklich abgenommen. Dennoch bleibt Fahrraddiebstahl ein aktuelles Thema.

Wieder Ortswechsel. Diesmal geht’s nach Shenyang, wo die Fahrraddiebe laut einem Artikel der Liaoshen Evening News derart ausser Rand und Band sind, dass man nun zu unkonventionellen Methoden greift. Ich moechte sagen, fast nach meinem Vorbild. Und zwar bieten dort die Fahrradhaendler und -werkstaetten nun einen Service an, der paradox scheint, aber wohl aeussert effektiv ist. Und zwar ramponieren sie auf Wunsch die neu erstandenen bzw. zu reparierenden Fahrraeder bis sie fuer den Dieb nicht mehr attraktiv scheinen. Zum Beleg berichtet die Zeitung von drei Kunden, die innerhalb einer Stunden bei solch einem Haendler erschienen und “ein Mal Vandalismus, bitte” bestellten.

Und bei mir in Shanghai? Ich besitze nun schon seit ein paar Monaten (!) ein blau-silber Mountain-Bike, das ich mir fuer 700 RMB in dem franzoesischen Sportladen Decathlon (ja, gibt’s auch in China) erstanden habe. Fuer weitere 200 RMB – und damit fast so viel wie mein erstes Rad in China kostete – habe ich mir ein selbstprogrammierbares Zahlenschloss (!) dazu gekauft. Das laesst sich hoffentlich nicht so leicht knacken. Ausserdem nehme ich das Rad immer mit in den 20.Stock, wo es so sicher wie nur geht auf meinen Balkon parkt und so blau und silber strahlt wie am ersten Tage.

China in den 20er Jahren

Freitag, 3 Juli 2009, 15:21 | Kategorie: Videos |
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Auf Youtube ist sensationelles Filmmaterial aufgetaucht, das China in den 1920er Jahren zeigt. Der Film mit dem Titel “China and the Chinese” wurde urspruenglich 1928 veroeffentlicht und von einem gewissen Isaac O. Upham produziert.

Der Amerikaner war zuvor 10.000 Meilen durch China gereist. Angefangen in Hong Kong, fuehrte die einjaehrige Reise u.a. nach Guangzhou (Kanton), Shanghai, Peking, Tianjin und Shenyang wie in den Youtube-Ausschnitt zu sehen ist.

Sein fertiger Stummfilm wurde erstmalig in New York vorgefuehrt, im Beiseinn von Upham persoenlich, der des Showeffekts wegen auch gleich noch den Chinesischen Schwertkaempfer Liu Yu-Ching mitgebracht hatte. Als Unterhaltungsfilm fiel Uphams Werk zwar trotzdem durch, ob des beeindruckenden und fuer die Zeit sehr informativen Charakters wurde der Film jedoch anschliessend im amerikanischen Schulunterricht gezeigt.

Alternativer Videolink fuer alle, denen Youtube verwehrt bleibt… ;-)

Shenyang – Auf den zweiten Blick…

Samstag, 16 Mai 2009, 11:24 | Kategorie: Bilder, Tipps |
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Shenyang

Dass hier knapp eine Woche nichts passiert ist, hat einen einfachen Grund: Ich war fuer ein paar Tage im Nord-Osten. Genauer gesagt in Shenyang, 7,5 Mio Einwohner, Hauptstadt der Provinz Liaoning.

Der Lonely Planet schreibt, dass Shenyang auf den ersten Blick keine Stadt sei, in die man sich spontan verlieben wuerde. Treffender kann man es kaum auf den Punkt bringen. Am Flughafen angekommen, ging es fuer uns mit dem Taxi richtung Stadtzentrum weiter. Der Blick aus dem Fenster war da schon zum depressiv werden: grau-diesiges Wetter, der Strassenrand zunaechst von kahlen ca. 5-stoeckigen Plattenbauten gesaeumt und dann eine Baustelle nach der anderen. Dazwischen immer wieder Ruinen gerade abgerissener Gebaeude. Zu allem Ueberfluss lief im Radio auch noch Modern Talking…

Im Nachhinein bleibt Shanyang zwar oberflaechlich betrachtet eine eher haessliche Stadt, aber ich glaube, das ist auch ein wenig dem Wandel geschuldet. Ich habe noch nie – nicht einmal in China – eine Stadt erlebt, in der so viel gebaut wird. Das Stadtbild ist daher sehr uneinheitlich: einerseits das Flair einer kommunistischen Industriestadt in den 80er Jahren, andererseits – speziell abends – das Bling Bling einer modernen asiatischen Metropole. Shenyang scheint jedenfalls auf dem Sprung zu sein und kraeftig zu boomen.

Shenyang ist aber auch eine Stadt mit weit zurueckreichender Geschichte. So war die 2300 Jahre alte Stadt im 17.Jahrhundert einst Haupstadt des Mandschurischen Staates. Von hier aus eroberte die Qing-Dynastie ganz China, weswegen in Shenyang auch ein kaiserlicher Palast zu finden ist – der einzige ausserhalb von Peking. Ausserdem gibt es aus diesem Grund auch einige Kaisergraeber in Shenyang, womit dann auch die wichtigsten Sehenswuerdigkeiten der Stadt benannt waeren: der Kaiserpalast (Gugong) und das Nordgrab (Beiling), die Ruhestaette von Huang Taji, dem Gruender der Qing Dynastie. Diese Attraktionen sind aber nicht nur ihrer Geschichte wegen sehenswert, sondern auch aufgrund der sehr schoenen Tempel- bzw. Parkanlagen drumherum.

Dann waeren da noch einige Pagoden, Museen, der botanische Garten, eine Mao Zedong Statue sowie der Fernsehturm zu besichtigen. Insgesamt bietet Shenyang also schon einiges.

Was mir sonst noch in sehr positiver Erinnerung bleiben wird, ist die Herzlichkeit der Menschen dort oben. Der Umgangston mag zwar mitunter etwas rauher – weil direkter – sein, aber man kommt auch ohne Chinesischkenntnisse sehr schnell ins Gespraech und es wird dann viel gelacht.

Last but not least sei die nordchinesische Kueche empfohlen. Da waeren zum einen natuerlich die Jiaozi (Maultaschen-aehnliche Nudeln) mit allemoeglichen Fuellungen, dann sehr viele Kartoffelgerichte (u.a. Disanxian = Kartoffel, Aubergine, gruene Paprika) und sehr gut auch die Lapian, kalte Reisnudeln in einer leicht sauren Gurken-Erdnuss-Sosse. Klingt komisch, schmeckt aber gut.

Auf den zweiten Blick ist Shenyang also durchaus eine Reise wert. Das Radioprogramm aber ist und bleibt verbesserungswuerdig. Auf meiner Rueckfahrt zum Flughafen blieb ich zwar von Modern Talking verschont, dafuer aber lief House of Rising Sun – interpretiert von einer talentfreien chinesischen Saengerin…