Verkauft und verloren: Der chinesische Fussball

Donnerstag, 3 Dezember 2009, 21:04 | Kategorie : Stories |
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Fussballskandal in ChinaEigentlich sollte in China augenblicklich tote Hose herrschen, was Fussball angeht. Die Saison ist gerade vorbei und um die Nationalmannschaft ist es eh still geworden, seitdem man bereits im Juni die WM-Qualifikation fuer Suedafrika in den Sand gesetzt hat. Und doch wird dieser Tage in China viel ueber Fussball geredet. Denn seit letzter Woche ist bekannt, dass auch der chinesische Fussball von einem Bestechungsskandal betroffen ist. Mal wieder.

Bereits im April hatte es eine erste Spur gegeben, nachdem Wang Xin, der fruehere Manager des Vereins Liaoning Guangyan, auf seiner Flucht von Singapur nach China gefasst werden konnte. Zwar ging es damals um die Manipulation von Spielen der S.League, Singapurs hoechster Spielklasse, doch lag auch da bereits der Verdacht nahe, Wang Xin koennte auch in seiner chinesischen Heimat Fussballspiele geschoben haben.

Aus diesem Verdacht wurde nun offenbar Gewissheit und so folgte vergangene Woche eine Verhaftungswelle, bei der laut Medienberichten bis zu 16 – teils ehemalige, teils aktive – Spieler und Offizielle festgenommen wurden.

Es ist die juengste Episode einer scheinbar unendlichen Geschichte von Bestechung und Betrug im chinesischen Fussball.

Wie u.a. die Tageszeitung The Beijing News berichtet sollen die illegalen Machenschaften der aktuell Beschuldigten bis ins Jahr 2006 zurueckreichen. Im Fokus steht dabei die Partie zwischen Guangzhou Pharmaceutical FC und Shanxi Wellsend, deren General Manager Wang Po ebenfalls zu den Verhafteten gehoert. Etwa 200.000 RMB (20.000 Euro) wurden damals offenbar fuer das 5-1 von Guangzhou gegen Shanxi gezahlt, das ersteren den Aufstieg in die Chinese Super League, die hoechtse chinesische Spielklasse, ermoeglichte. Zudem setzten die beiden beschuldigten Offiziellen bei einem auslaendischen Buchmacher auf eben diesen Ausgang der Partie und verdienten somit  rund 100.000 RMB.

In China selbst kann man offiziell nicht auf den Ausgang inlaendischer Spiele setzen, denn nachdem es in der Vergangenheit bereits mehrfach zu Spielmanipulationen gekommen war, dachte man, so den Fussball vor Absprachen zwecks Wettbetrug beschuetzen zu koennen. Dass die Rechnung offenbar nicht aufgegangen ist, liegt zum einen daran, dass neben auslaendischen auch viele illegale Buchmacher innerhalb Chinas die Moeglichkeit bieten, weiterhin auf chinesische Spiele zu setzen. Und zum anderen – wie im Fall Guangzhou/Shanxi – laesst sich ja auch abseits des Wettgeschehens Geld verdienen. So sind Fernseh- und Sponsorengelder in der ersten Liga natuerlich um ein vielfaches hoeher als etwa in der zweiten Liga, weswegen die Verantwortlichen von Guangzhou Pharmaceutical FC auch gerne bereit waren, dem Aufstieg mittels Bestechung etwas nachzuhelfen.

Aehnliches hatte sich bereits 2001 ereignet: Am vorletzten Spieltag der zweitklassigen Divison B kam es zum Derby zwischen Chengdu Wuniu und Sichuan Mianyang. Chengdu – den Aufstieg vor Augen – leistete Grosses und besiegte seinen Gegener mit 11-2. Und auch das letzte Spiel auswaerts gegen Jiangsu Shuntian, immerhin 5. der Tabelle, konnte man mit 4-2 gewinnen. Die punktgleichen Rivalen um den Aufstieg, Changchun Yatai, gewannen ihr letztes Spiel jedoch ebenfalls. Beim achtplazierten Zhejiang Lucheng gab es ein 6-0 zu bestaunen. Dabei fielen allein vier Tore innerhalb der letzen acht Minuten bzw. zwei Tore in der Nachspielzeit. Genug um dank eines besseren Torverhaeltnis aufzusteigen… Doch Pustekuchen, am Ende stiegen weder Chengdu noch Changchun auf. Vielleicht haette man den Betrug nicht ganz so offensichtlich gestalten sollen. So aber wurden alle fuenf beteiligten Mannschaften bestraft: Saemtliche Spieler und Trainer wurden fuer ein Jahr gesperrt. Die ohnehin arg gebeutelte Mannschaft von Sichuan Mianyang traf es doppelt hart, denn sie wurde obendrein auch noch in die unterklassige dritte Liga strafversetzt.

Nur zwei Jahre spaeter, im Jahr 2003, hatte China auch schon den naechsten Bestechungsskandal. Dabei wurde der FIFA-Referee Gong Jianping zu 10 Jahren Gefaengnis verurteilt, nachdem es das Gericht als erwiesen ansah, dass der Schiedsrichter mindestens 370.000 RMB an Bestechungsgeldern von mehreren Erst- und Zweitligavereinen angenommen hatte.

2007 wurde dann Wang Xin, der nun im April diesen Jahres endgueltig gefasst wurde, bereits ein erstes Mal festgenommen. Ihm, mehreren Spielern und Ding Zhe, dem Trainer von seinem Team Liaoning Guangyuan, wurde damals schon vorgeworfen in einen Betrugsskandal verwickelt zu sein. Zu einer Veurteilung kam es zu dem Zeitpunkt jedoch ueberraschenderweise (noch) nicht. Sieht man die aktuellen Entwicklungen, liegt es allerdings nahe, dass der Verdacht durchaus begruendet war…

Verlieren gehoert im Fussball zum Geschaeft. Und in Zeiten, in denen Fussball im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschaeft ist, sind es leider nicht immer sportliche Argumente, die ueber Sieg oder Niederlage entscheiden.

Der wahre Verlierer ist aber der Fussball selbst. Zwar rechtfertigt sich der beschuldigte Yang Xu, ehemals Assistant Manager bei Guangzhou Pharmaceutical FC, und behauptet: “Im chinesischen Fussball gab es seit jeher diese ungeschriebenen Regeln. Und da jeder diesen Regeln folgt, dachte ich, warum sollen aufgerechnet wir unter unserer Ehrlichkeit leiden…”. Dennoch glaube ich nicht, dass es im chinesischen Fussball gross anders zugeht als bei uns in Europa. Wo es um viel Geld geht, da bleibt das Fairplay mitunter aussen vor. Leider.

Doch ist der chinesische Fussball noch recht jung und bei weitem nicht so gefestigt wie der europaeische – ob seiner langen Tradition. Eine professionelle chinesische Liga existiert erst seit 15 Jahren und so treffen die Spielmanipulationen den chinesischen Fussball weitaus haerter. Er stagniert in seiner Entwicklung, die ja ohnehin noch in den Kinderschuhen steckt. Eine Begeisterung will bei den ansich fussballverueckten Chinesen nicht so recht aufkommen.

Waehrend die Begegnungen der englischen, italienischen, spanischen und deutschen Liga im chinesischen Fernsehen rauf und runter laufen, kommt die eigene Liga nicht so richtig in Tritt. Wenn man sich den Zuschauerschnitt der Erstliga-Saison 2009 anschaut, so lag dieser mit etwa 16.000 pro Partie auf dem gleichen Niveau wie im Gruendungsjahr 1994. Dabei lag der Schnitt zwischenzeitlich sogar mal bei ueber 24.000 Zuschauern pro Spiel, was dem heutigen Schnitt der italienischen Seria A entspricht. In China boomt so ziemlich alles, nicht jedoch der Fussball.

Es ist offensichtlich, dass es den Fans schwerfaellt, ein Vertrauen in den heimischen Sport aufzubauen. Zu sehr haben Einzelne das Volksgut Fussball fuer ihre eigenen finanziellen Interessen missbraucht.

Wie sehr der chinesische Fussball unter diesem Missbrauch gelitten hat, bringt ausgerechnet eine staatliche Zeitung, die Global Times, ganz humorlos auf den Punkt. Dort heisst es juengst in einer Schlagzeile: “Professioneller Fussball in China ist ein Witz”.

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