Auf der Jagd

Donnerstag, 26 Februar 2009, 1:04 | Kategorie : Stories |
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Waehrend wir Deutschen uns gerne mit dem Titel Exportweltmeister ruehmen, haben die Chinesen die Zeichen des Kommunikationszeitalters erkannt und sind lieber Internetweltmeister: Knapp 300 Millionen Chinesen sind mittlerweile online und das bedeutet Platz 1 in der Welt, noch vor den USA.

Das Nutzungsverhalten im Internet unterscheidet sich bei den Chinesen wahrscheinlich nicht so sehr von dem unseren: Sie suchen viel, nach News, Schnaeppchen, MP3s, lustigen Videos, dem Partner fuer’s Leben oder was auch immer. Sie suchen aber auch gerne nach Dingen, die nicht unbedingt fuer die Oeffentlichkeit bestimmt sind: nach Namen, Identitaeten, Persoenlichem, Kontaktdaten, Verbindungen… “Human flesh search” nennt sich dieser neue Volkssport, die Suche nach Menschenfleisch zu deutsch.

iPhone Girl

iPhone Girl Das beruehmteste Beispiel fuer dieses Detektiv-Spielchen ist hierbei wohl die Geschichte vom iPhone Girl: Ein Brite hatte sich ein neues originalverpacktes iPhone zugelegt, auf dessem Speicher allerdings bereits Fotos – die einer jungen Chinesin – zu finden waren. Und was macht man in so einer Situation? Richtig, man stellt diese Fotos ins Internet und harrt der Dinge, die der aktuelle Hype um jegliche Mac-Produkte bescheren mag. Das unfreiwillige Foto-Modell wurde rasend schnell zu einer Beruehmtheit des Web 2.0. Chinesische Netizens fanden alsbald heraus, dass die Frau in der Produktionsstrasse des iPhone-Herstellers FoxConn im suedchinesischen Shenzhen arbeitet und sich wohl fuer Testzwecke von einer Kollegin hatte ablichten lassen, die dann aber vergass, die Fotos auch wieder zu loeschen. Der buergerliche Name vom iPhone Girl wurde nie publik gemacht, wahrscheinlich aus Respekt. Denn ueber ihren Abteilungsleiter hatte sie verlauten lassen, dass ihr der ganze Rummel unheimlich peinlich sei und sie nichts sehnlicher wuenscht als dass der ganze Hype endlich vorbei ist. Dem “Net Mob” war der Wunsch der sympathisch dreinschauenden Chinesin jedenfalls Befehl, und man wendete sich neuen Aufgaben, Objekten der Neugier, geheimnsivollen Erscheinungen im chinesischen Internet zu…

Nanchang long-legged Beauty

Long-legged BeautyDie “Nanchang Schoenheit mit den langen Beinen” (”Nanchang long-legged beauty”) hatte weder ein iPhone getestet, noch bezaubernd in eine Kamera gelaechelt, sondern war lediglich zur richtigen Zeit am richtigen Ort in auesserst knapper Hose und Gummistiefeln – dazwischen nur endlos lange und nackte Beine – durch eine ueberflutete Strasse gewatet. Das Gesicht dabei leicht abgewendet, so dass sie offenbar auch nicht mitbekam, dass ein entzueckter Fotograf die Szene festhielt, um sie spaeter stolz dem Internet zu praesentieren. Dort war man ob so viel nackter Haut oder so langer Beine, beides in China jedenfalls eher selten zu sehen, begeistert. Nun war die Neugier aber erst geweckt. Jemand formulierte den Wunsch in einem Internetforum, wohl stellvertretend fuer die meisten maennlichen Kollegen, mit folgenden fast (!) schon poetisch anmutenden Worten:

“Diese Figur, diese eleganten Beine! Das ist fuer wahr rare Qualitaet! Ich flehe die Menschenfleisch-Suchmaschinen (”the human flesh search engines”) an, bitte helft mir! Helft mir, diese Schoenheit zu finden!”

Long-legged beauty faceEin paar Tausend Foreneintraege und anhimmelnde wie skeptische Beitraege (”Ihr Beine sind unrealistisch lang!”, “100% Fake, da ist definitiv ‘was in ihren Schuhen!”) spaeter, wurde jemand schliesslich fuendig und praesentierte der lechzenden Internetgemeinde ein weiteres Foto. Der Erwartungshaltung haette wahrscheinlich noch nicht einmal eine zweite Zhang Ziyi gerecht werden koennen, denn wie eigentlich abzusehen, ueberwog am Ende eindeutig die Enttaeuschung.

Mit langen Beinen hat auch die folgende Episode der Menschenfleischjagd zu tun:

Die Katzen-Moerderin (”Kitten Killer”)

Eine Chinesin aus der nordchinesischen Provinz Heilongjiang hatte sich bei dem perversen Hobby, kleine Kaetzchen mit ihren High-Heels zu zerstampfen, filmen lassen. Die Videos landeten natuerlich promt im Internet und loesten einen landesweiten Sturm der Entruestung aus. Diesmal kannten die Netizens kein Erbarmen. Herkunft und Name waren schnell ausfindig gemacht, und – nun landesweit bekannt als die High-Heel Katzen-Killerin von Heilongjiang – verlor die Frau ebenso schnell ihren Job als Krankenschwester.

Und wo ein bisschen Crime ist, da ist auch meist ein wenig Sex:

Die Geschichte vom Kappa Girl

Seit Paris Hilton gehoeren in Europa und den USA private Sex-Videos fast schon zum Standard-Selbsvermarktungs-Repertoire eines jeden talentfreien Promis. Die Aufmerksamkeit, die sich damit erzielen laesst, ist ob der Alltaeglichkeit daher inzwischen limitiert. Im (offiziell) prueden China stellen solche Videos eine Sensation par excellence dar. Das beweist insbesondere der Sex-Video Skandal um Edison Chen, einen Saenger und Star des Hongkong Kinos, der China Anfang vergangenen Jahres beinahe pausenlos beschaeftigte und mit dem Versprechen seitens Chens endete, sich niemals wieder in der chinesischen Oeffentlichkeit zu zeigen.

Kappa GirlEine Junge Chinesin dachte wohl eher an Paris Hilton denn an besagten Edison Chen, als sie ein privates Sex-Video von sich ins Internet stellte, denn im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen, unfreiwilligen Protagonisten der Human flesh search lag ihr offenbar sehr wohl daran, moeglichst beruehmt zu werden. Sie richtete sich ihren Blog ein, und schien sich ihrer Taten keineswegs zu schaemen. Im Gegenteil, sie versuchte sich den Hype direkt zunutze zu machen:

“Jetzt bin ich eine Beruehmtheit. Also wie kann ich das ausnutzen, um ein bisschen Profit daraus zu ziehen!? Letzte Nacht hab ich darueber nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, doch nach einem Werbevertrag Ausschau zu halten.”

Die italienische Kleidungsmarke Kappa war da schon laengst zum unfreiwilligen Namenssponsor der freizuegigen Dame geworden. Denn natuerlich hatten sich die chinesischen Netizens laengst der Sache angenommen, und unter anderem herausgefunden, dass die ambitionierte Laiendarstellerin hauptberuflich als Verkaeuferin in einem Kappa Store arbeitet: Kappa Girl was born!

Seitdem ist es jedoch still um Kappa Girl geworden. Ihren Job als Verkaeuferin ist sie los, und ihr Traum als Schauspielerin – in was fuer einem Genre, das wurde nicht so ganz klar (”Wer weiss, welcher Regisseur nach mir schaut, um spaeter einen Film zu drehen!”) – hat sich soweit man weiss bislang auch nicht erfuellt.

Und wer weiss, wie viele dieser Phaenomene wir im chineischen Internet noch erleben werden. Denn ab 1.Juni 2009 soll offiziell Schluss sein mit der Schnueffelei in den Privatsphaeren mehr oder weniger unschuldiger Menschen. Dann tritt in China ein neues Gesetz in Kraft, dass die unauthorisierte Veroeffentlich privater Daten wie Namen, Adressen, Alter (insbesondere bei Frauen), Einkommen usw. unter Strafe stellt. Letztere soll bei maximal 5000 RMB (ca. 500 Euro) sowie 6 Monate Internetentzug liegen.

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  1. 1. Chineast – Neues aus China » Doku: Human Flesh Search Engine

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