Google läuft davon

Samstag, 16 Januar 2010, 17:02 | Kategorie : Stories |
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Fast ueberall, ausserhalb von China, wird Google ob seiner Ankuendigung bzw. Drohung, dem Reich der Mitte den Ruecken zu kehren, gefeiert. Warum eigentlich?

Also, da waren zuletzt, also im Dezember, gewisse Hacker-Angriffe auf Googles Infrastruktur, vornehmlich auf bestimmte Gmail-Konten. Einen Monat spaeter platzt Google daraufhin der Kragen und man entscheidet, dass die Durchfuehrbarkeit des Geschaeftsbetriebs (”feasibility of our business operations“) in China nicht gegeben ist. Ultimativ soll das Google-Angebot nun in China wieder unzensiert verfuegbar gemacht werden, was wohlwissentlich das Ende von google.cn bedeuten kann – und wohl auch wird.

Aber geht es Google tatsaechlich um die Zensur? Um Moral und Meinungsfreiheit? Oder nutzt Google hier die Gunst der Stunde, um das Scheitern auf dem chinesischen Markt doch noch als Sieg zu verkaufen. Womit man ausserhalb von China dann gleich auch noch das zurzeit etwas ramponierte Image als Big Brother wieder aufpolieren kann…

Denn das Opfer, das Google hier bringt, haelt sich in Grenzen. In China konnte Google ohnehin nie richtig Fuss fassen. Nicht mehr als ein Viertel des chinesischen Suchmarktes konnte Google zuletzt “sein Eigen” nennen. Vergleicht man dies mit Zahlen aus dem Rest der Welt – bspw. 93 Prozent in Deutschland – dann ist fuer Google ungewohnt duerftig.

Nun moegen die politischen Gegebenheiten in China es Google nicht unbedingt einfacher gemacht haben, die Gruende fuer den schwachen Auftritt sind aber mindestens im gleichen Masse hausgemacht: Ein zu geringes Marktverstaendnis, mangelnde Naehe zum Kunden, die falsche Marketing-Strategie… Die Gruende fuer das Scheitern sind vielfaeltig.

Als Google Anfang 2006 nach China kam und sein chinesischsprachiges Angebot startete, begruendete man den Schritt als “reasonable approach that seems likely to bring our users greater access to more information than any other search engine in China. And by serving our users better, we hope it will be good for our business, too, over the long run.

Ok, Menschenrechte und Gewinnmaximierung haengen bei Google zusammen. Zumindest konnte man so ein Engagement in China irgendwie rechtfertigen. Aber was wird nun aus dem Menschen, wo es mit der Gewinnmaximierung offenbar nicht so geklappt hat?

Sind vier Jahre nicht etwas kurz, um hier bereits ein abschliessendes Fazit zu ziehen? Es wird ja fast so getan, als haette sich China zuvor im Zeitalter der Aufklaerung befunden und wuerde nun ganz ploetzlich den entgegengesetzten Kurs einschlagen.

Wenn es Google tatsaechlich ernst ist mit der Verantwortung und dem Anspruch, den Informationszugang in China zu verbessern, sollte man nicht gerade dann sich der Herausforderung vor Ort stellen anstatt wegzulaufen? Verspielt man nicht mit einem Rueckzug jeglichen Einfluss, jegliche Moeglichkeit zum Dialog?

Google scheint sich anders entschieden zu haben. Was deren gutes Recht ist. Vielleicht ist es sogar der richtige Weg. Wer weiss das schon. Aber etwas heroisches, einen Anlass zum Feiern, kann ich in diesem Rueckzug beim besten Willen nicht erkennen.

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  4. Im Kino Als C(h)ineast interessiert mich der chinesische Filmmarkt ja ganz besonders....

3 Kommentare for “Google läuft davon”

  1. 1Andersreisender

    Danke fĂĽr diesen interessanten Ăśberblick. Bei meiner Reise nach CHina im letzten Jahr habe ich auch schon festgestellt, dass andere Suchmaschinen genutzt werden und nicht Google.

    Als ich in den Medien vom RĂĽckzug Googles und die damit zusammenhängenden “BegeisterungsstĂĽrme”, habe ich auch bereits ĂĽberlegt, ob nicht etwas anderes als die Zensur dahinter steckt. Ich denke, dass hier von Google ganz raffiniert mit den Mitteln der PR gespielt wird.

  2. 2Chineast

    Hallo nach Salzburg!

    Na, ob das wirklich so raffiniert ist? Bin mir da nicht so sicher. Erstens hielte ich einen Rueckzug aus China fuer einen grossen Fehler, und zweitens ist die Wirkung im Westen ja recht schnell verpufft bzw. skeptisch betrachtet worden.

    Mal abwarten, ob Google das tatsaechlich durchzieht. Ich glaube da noch nicht ganz dran.

  3. 3Andersreisender

    Nun, ich denke, zumindest in der Planung “raffiniert” – oder ausgeklĂĽgelt. Solche SchĂĽsse können natĂĽrlich schwer nach hinten losgehen, hat man auch schon an anderer Stelle gesehen. Es ist ein gefährliches Spiel und ich bin mir auch nicht sicher, ob Google tatsächlich den Markt verlassen wird. Ich denke, dass es ein Spielchen ist…

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