Forever Bicycles, Bicycles Forever

Samstag, 20 Februar 2010, 15:50 | Kategorie : Stories |
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Forever Bycicles by Ai WeiWeiForever Bicycles nennt sich eine Installation des chinesischen Kuenstlers Ai WeiWei aus dem Jahr 2003, die aus 42 Fahrraedern zusammengesetzt ist. Forever Bicycles ist auch der Name einer chinesischen Fahrradmarke, die bereits 1940 in Shanghai gegruendet wurde und noch heute zu den wichtigsten Herstellern im Lande gehoert. Und, Forever Bicyles klingt nach Nostalgie, denn auch wenn noch heute, im Jahr 2010, allein in Shanghai 10 Millionen Fahrraeder die Strassen befahren, so sind es doch mehr und mehr die Autos, die ihnen den Rang ablaufen und das Stadtbild dominieren.

Nichtsdestotrotz assozieren wir China immer noch ganz besonders mit Fahrraedern. Dieses Bild hat sich in unseren Kopefen manifestiert. Und vor dreissig Jahren mag dies auch noch gestimmt haben. Ein “Drahtesel” gehoerte zur Grundausstattung. Die Fahrraeder der Marke Forever Bicycles spielten dabei eine besondere Rolle: Sie waren ein Prestigeobjekt. Wer etwas auf sich hielt, der musste neben einem Radio der Marke Rotlicht, einer Shanghai-Uhr sowie einer Butterfly-Naehmaschine auch ein Forever-Fahrrad besitzen.

Doch die Zeiten haben sich geaendert, der Trend ist laengst ein gaenzlich anderer…

Das Auto ist des Chinesen Statussymbol im neuen Jahrtausend. China ist seit letztem Jahr der groesste Automarkt der Welt und gleichzeitig die grosse Hoffnung der weltweit kriselnden Automobilindustrie. So wurden 2009 in China 17 Millionen Neuwagen verkauft. In den USA hingegen blieb es bei lediglich 10 Millionen.

Das mag gut sein fuer die Autobranche. Und es mag auch einmal mehr den Aufschwung Chinas verdeutlichen. Aber wer sich juengst – gemeinssam mit mittlerweile 4 Millionen weiteren Autos – durch Pekings Verkehr gequaelt hat, wer die verpestete Luft nicht nur hat atmen muessen, sondern auch hat sehen koennen, der wird den “Fahrrad-Tagen” zumindest ein wenig hinterhertrauern.

Ich kann mich noch gut an mein erstes Mal in Peking erinnern: Das war Anfang der 90er Jahre und die Chang’An (die Hauptstrasse Pekings) war im Prinzip ein grosser Fahrradweg mit einer schmalen Autospur in der Mitte. Und die wenigen Autos waren fast ausschliesslich Taxis, gelbe Mini-Busse der Marke Jilin, die wir wegen ihrer Form liebevoll Toaster genannt haben. Zwischendrin mal ein schwarzer VW Santana. Aber das war’s im grossen und ganzen.

Die Santanas sind geblieben, ein paar mehr Millionen Autos gekommen, Toaster und Fahrraeder hingegen sind von der Chang’An verschwunden. Dafuer erinnert die Strasse jetzt an einen kilometerlangen Parkplatz, der sich alle paar Minuten mal wenige Meter bewegt.

Im Westen hat man sicherlich auch deswegen die Liebe zum Fahrrad wiederentdeckt. Fahrradfahren ist nicht nur gesund und umweltschonend, sondern auch oft das schnellere Fortbewegungsmittel, zumindest wenn man in der Stadt lebt. Interessanterweise profitieren auch von diesem Trend einmal mehr die Chinesen. Denn von den 130 Millionen Fahrraedern, die letztes Jahr hergestellt wurden, stammen 90 Millionen aus chinesischer Produktion, die zu zwei Dritteln fuer den Export bestimmt ist. Neun von zehn Fahrraedern, die zuletzt in den USA verkauft wurden, sind made in China.

Doch natuerlich haben auch die Chinesen dem Zweirad nicht komplett entsagt. Elektrofahrraeder sind beliebt und bieten eine zumindest ebenfalls recht umweltfreundliche Alternative. Derer 120 Millionen gibt es inzwischen. Doch so ganz ohne ist die Errungenschaft nicht. Denn die E-Bikes sind nicht nur sehr leise, sondern auch unheimlich schnell. Eine offenbar allzu gefaehrliche Kombination, wie die 2.500 Verkehrsopfer – immerhin 3 Prozent aller Unfalltoten – belegen, die 2007 bei einer Kollision mit Beteiligung eines solchen Elektrofahrrads ums Leben kamen.

In manchen chinesischen Staedten wurde die Nutzung elekrisch angetriebener Fahrraeder daher zwischenzeitlich untersagt. In Shanghai hingegen wurden klassische Fahrraeder auf bestimmten Hauptstrassen zuletzt verboten. Um den motorisierten Verkehr nicht zu “bremsen”.

Da man sich in Shanghai aufgrund der EXPO jedoch das Motto Better City, Better Life auf die Fahnen geschrieben hat, gibt es auch Massnahmen, die in eine andere Richtung gehen. So testet die Stadt seit 2008 das so genannte Bike Sharing, eine Art Fahrradverleih, den wir aus vielen europaeischen Metropolen bereits kennen. Das heisst, es gibt in der Stadt verteilt mehrere Stationen, wo man sich fuer kleines Geld – umgerechnet 10 bis 30 Cent pro Stunde sowie eine einmalige Kaution in Hoehe von 20 Euro – ein Fahrrad mieten kann. Wenn man bedenkt, dass in China ueber 170 Millionenstaedte existieren, dann koennte das Bike Sharing ein ausbaufaehiges Zukunftsmodell sein, um die abgasverpesteten und mit Autos ueberfuellten Innenstaedte ein wenig zu entlasten und die chinesische Fahrradkultur wiederzubeleben.

Produziert werden die Mietfahrraeder in Shanghai uebrigens von der Firma Forever Bicycles.

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Ein Kommentar for “Forever Bicycles, Bicycles Forever”

  1. 1Mike

    Informativ und mit guten Beispielen unterlegt, auch der Markenname Forever Bicycles als Klammer des ganzen Textes ist gut gewählt.
    cu
    der Alte

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