Der (Alp)Traum vom Leben im Ausland

Montag, 9 November 2009, 13:02 | Kategorie : Stories |
Tags : , , ,

“Im Ausland ein Fuerstchen, zu Hause ein Wuerstchen.” So wird oft das Leben eines Expats beschrieben. Denn wer von seiner Firma ins Ausland geschickt wird, darf nicht nur eine andere Kultur erleben, sondern verdient haeufig auch besser und kommt in den Genuss zahlreicher Zusatzleistungen. So wird beispielsweise die Wohnung von der Firma bezahlt, gleiches gilt fuer Urlaubsfluege in die Heimat und manch einer bekommt sogar ein Auto samt Chauffeur gestellt.

Gut, nicht jeder, der im Ausland arbeitet, wurde samt einem lukrativen Vertrag entsendet. Manche – wie meine Wenigkeit beispielsweise – sind auf eigene Faust losgezogen und bekommen keine First Class Fluege nach Deutschland bezahlt. Aber nichtsdestotrotz laesst es sich doch sehr gut leben. Wie einer kleiner Fuerst eben.

Gerade in China, wo man mit seinem westlichen Einkommen eine enorme Kaufkraft besitzt. Und gerade als Deutscher, denn es gibt wohl keine andere Nation, die von den Chinesen derart respektiert und bewundert wird.

Nichtsdestotroz hat das Leben in China fuer uns Auslaender auch seine Schattenseiten. Und diese koennen mitunter so dunkel sein, dass 50 Prozent der Expats in China vorzeitig ihre Zelte abbrechen und zurueck in ihre Heimat kehren.

Laut einem Artikel der China Daily, in dem David Israel-Rosen vom China Transition Institute die Situation der Auslaender in China beschreibt, sind die meisten nicht richtig vorbereitet auf das, was sie nach der “Relocation” erwartet. Es macht halt einen gewaltigen Unterschied, ob man von Heidelberg nach Hamburg zieht, oder aber von Stuttgart nach Shanghai.

Der kulturelle Unterschied zwischen Deutschland und China koennte groesser nicht sein. Hinzu kommt die Sprachbarriere: Chinesisch lernt sich nicht so leicht wie Englisch. Und die meisten Chinesen sprechen nunmal kein Englisch, geschweigedenn Deutsch. Und so ist es sehr schwierig Zugang zu dieser Kultur, diesem Land und seinen Einwohnern zu finden.

Viele Deutsche bleiben daher unter sich. Oder eben allein.

Depressionen sind ein grosses Problem unter Expats. Eine deutsche Aerztin hat mir sogar mal erzaehlt, dass beinahe die Haelfte ihrer Patienten sie wegen Depressionen und Angstzustaenden aufsucht. Bemerkenswerterweise sind psychische Erkrankungen von vielen Auslandskrankenversicherungen nicht abgedeckt.

Besonders hart trifft es haeufig die Frauen bzw. Ehepartner der Expats. Der Mann beispielsweise wird von der Firma nach China geschickt, die Frau gibt aus Liebe ihren ansich guten Job auf, geht mit und findet in China angekommen keinen oder keinen vergleichbaren Job. Und waehrend dem Mann durch die Arbeit der Einstieg erleichtert wird, erste Kontakte geknuepft werden, sitzt die Frau alleine zu Hause, fuehlt sich einsam und in dieser fremden Kultur verloren.

Dass der Mann nicht zu Hause bei seiner Frau weilt, muss aber nicht immer nur an der Arbeit liegen. Prostituierte, Seitenspruenge, aussereheliche Beziehungen: Man muss kein Investigativjournalist sein, um zu sehen, dass viele Expats in China es mit der Treue nicht so ernst nehmen bzw. den zweifelsohne vielen Verlockungen nicht standhalten koennen oder wollen. Ein Blick in das Nachtleben von Shanghai reicht.

Dies fuehrt nicht nur zu besagten Depressionen, sondern auch zu kaputten Beziehungen und Ehen. Und zu einer ueberproportional hohen Alkoholismus-Rate. Die Reihenfolge ist dabei beliebig.

Zum Eheberater tauge ich zwar wohl nicht, aber als jemand, der nun seit drei Jahren in China lebt, kann ich nur raten, sich aktiv auf das Land einzulassen. In Anlehnung an Franz Beckenbauer wuerde ich sagen: “Geht’s raus und erkundet’s das Land!” China hat so viel zu bieten, dass einem gar nicht langweilig werden kann – wenn man sich denn drauf einlaesst. Wer sich aber erhofft, hier eine deutsche Parallelwelt aufbauen zu koennen, der wird wohl niemals ankommen und landet zwangslaeufig in der Isoliation.

Diesen Artikel bookmarken:
  • Facebook
  • Twitter
  • Yigg
  • Webnews.de
  • MisterWong.DE
  • Haohao
  • Google Bookmarks
  • Technorati
  • Live
  • MySpace
  • del.icio.us
  • Wikio

Related posts:

  1. Frau kastriert untreuen Ehemann In Guangdong wurde gestern eine 37-jaehrige Frau zu zehn Jahren...
  2. Praktikum in China Immer wieder kommen Leute auf meinen Blog, die offenbar auf...
  3. Bei Hauskauf: Ehefrau gratis dazu Was macht man als Immobilienmakler in einem Land mit einem...

9 Kommentare for “Der (Alp)Traum vom Leben im Ausland”

  1. 1Benem

    Wow, guter Artikel, ich glaube man kann das Wort China fast ueberall gegen Thailand ausstauschen, obwohl ich auch glaube das die Rate der zwangsweise Zurueckkehrer hier sehr viel hoeher sein duerfte und die Zahle derer, die wegen Arbeit kamen sehr viel geringer.

    Auch hier ist die Sprachbarriere sehr hoch, ich bin wirklich nicht unbegabt, was Sprachen angeht, aber Thai lernen ist ein langer und frustrierender Weg, bei dem viele schon im Ansatz aufgeben. Gott sei Dank ist die Schrift um ein vielfaches uebersichtlicher als Chinesisch, aber wem erzaehle ich das ;)

    Ben

  2. 2Chineast

    Puying thai sowai maak, ta pom mi faen laeau. :-)

    Wahrscheinlich total falsch geschrieben, aber daran erinnere ich mich noch gut. Und das habe ich nicht nur staendig gesagt, sondern auch erfolgreich gelebt. Gut, das glaubt mir wahrscheinlich eh keiner, aber es stimmt.

    Im Prinzip ist es hier in China aber nicht anders. Speziell im Sueden, bspw. in Shenzhen, fuehlt man sich fast wie in Pattaya.

  3. 3benem

    da es keinen standart gibt, wie man thai in europaeischen sprachen schreibt, kannst du das eigentlich schreiben wie du willst.
    Das du das auch gelebt hast glaube ich dir, denn es kommt auf die leute selber an und nicht auf das angebot.

    Ich arbeite ja jetzt daran bangkok und thailand ein besseres image zu geben und du koenntest mir dabei helfen, wenn du china mal so richtig anschwaerzen koenntest. ;)

    Ben

  4. 4Chineast

    Nee, China werde ich lieber nicht anschwaerzen. Aber ich finde Bangkok trotzdem super. Wuerde sogar fast sagen, dass dieses Drecksloch meine Lieblingsstadt ist. Kann mich noch gut erinnern wie ich 2002 das erste Mal dort war und eigentlich direkt wieder weg wollte, weil ich es so furchtbar fand. Bin dann aber auf meiner Rucksackreise durch Thailand und Kambodscha immer wieder (notgedrungen) ueber Bangkok und habe es mit der Zeit wirklich lieben gelernt. Die Stadt hat einfach Soul. Mir faellt kein anderes Wort ein, aber ich glaube, das trifft es ganz gut. In Asien braucht es aber glaube ich generell immer etwas Zeit, bis man die Stadt richtig sieht und versteht. War bei mir mit Peking zumindest genauso. Wobei mit Shanghai tue ich mich nach wie vor schwer…

  5. 5Benem

    Ich traeume eigentlich schon mein ganzes Leben davon mal nach China reisen zu koennen. Ich hoffe das ergibt sich irgendwann mal.
    Ich denke mal Shanghai staende dann ganz oben auf der Liste, habe aber schon gehoert, das Chinesen nicht unbedingt so grenzenlos freundlich sind, wie Thais. Trotzdem muss es sehr interessant sein.

    Ben

  6. 6Andersreisender

    Hmm…die Aussichten als Expat in China hören sich ja nicht so rosig an. Ich denke, dass es trotzdem auf die jeweilige Person ankommt, was sie aus der Situation macht. Wäre es in dem Unternehmen möglich, ein Jahr im Ausland zu verbringen, ich wĂĽrde es sofort tun. Als Ein-Mann-Betrieb, der sich um das regionale Marketing kĂĽmmert, ist das aber schwer möglich.

    Aber: Kommt Zeit, kommt Gelegenheit – ich bin mir ganz sicher :-)

  7. 7Andersreisender

    PS: Sag mal, hast Du schon einmal daran gedacht, ein Plugin für Benachrichtigen bei neuen Kommentaren zu installieren? Das wäre echt praktisch und würde den Überblick in Deinem Blog wesentlich erleichtern. :-)

  8. 8Chineast

    Hallo nach Oestererreich! Ja, ich denke auch, dass es groesstenteils an einem selbst liegt. Bei vielen Expats frage ich immer, warum zum Teufel die nach China gegangen sind, wenn sie gar keine Lust auf das Land haben. Da ist der Frust doch vorprogrammiert!? Fuer mich war irgendwie immer klar, dass ich ins Ausland will und China stand da genauso immer als Ziel fest. Ich liebe das Land einfach und entsprechend fuehle ich mich hier wohl! Wobei eine Kopf-Entscheidung war das nicht, aber ich glaube, dass ich fuer meinen Mut letztendlich belohnt wurde.

    Bzgl. Plugin: Das hab ich nicht ganz verstanden. Kannst du mir da vielleicht ein konkretes Plugin nennen? Bin ja immer bestrebt meinen kleinen feinen Blog zu verbessern :-)

Trackbacks

  1. 1. Der (Alp)Traum vom Leben im Ausland « SinoJobs – Das Jobportal fĂĽr deutsch-chinesische Stellenanzeigen

Hinterlasse einen Kommentar