China im Jogi-Löw-Fieber
China hat die Qualifikation zur Fußball-WM ja mal wieder verpasst. Überraschung und somit auch Enttäuschung darüber halten sich in China jedoch in Grenzen. Der heimische Fußball hat aufgrund von Korruption und ausbleibender Erfolge traditionell einen schweren Stand im Reich der Mitte. Das heißt aber nicht, dass China nicht im WM-Fieber wäre.
Alles dreht sich derzeit um die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika: das Fernsehprogramm, die Werbung, der tägliche Small-Talk. Hoch im Kurs stehen natürlich die Brasilianer, weil man die für den Turnier-Favoriten hält. Aber auch Argentinien und Portugal erfreuen sich großer Beliebtheit. Und zwar wegen Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, die in China den Superstar-Status schlechthin genießen und als Werbe-Testimonials omnipräsent scheinen.
Doch das deutsche Team schickt sich an, diesem Spitzentrio bestehend aus Brasilien, Argentinien und Portugal die Show zu stehlen. Okay, Deutschland hat in China seit jeher ein gutes Image: Bier, Autos, Fußball – die deutschen Tugenden, so wie sie in China wahrgenommen werden. Und dass Deutschland mittlerweile auch einen attraktiven Fussball spielt, dass Australien und England regelrecht aus dem Stadion geschossen wurden, auch das hat man hier natürlich wohlwollend registriert. Poldi, Schweini und Lahm würden wohl auch von jeder chinesischen Mutter den Segen als Schwiegersohn bekommen… Doch der wahre Grund für den plötzlichen Hype um die deutsche Fußballnationalmannschaft in China steht an der Seitenlinie, trägt gerne einen blauen Pulli und kann alles außer Hochdeutsch.
Jogi Löw ist der neue Superstar, der Mann, dem die Chinesinnen vertrauen.
Vorbei die Zeiten, in denen man als Deutscher am besten blond und blauäugig sein musste, um die Herzen der Chinesinnen zu erobern. Und außerdem, was den Chinesinnen gefiel, missfiel dafür den eifersüchtigen Chinesen. Oliver Kahn mag da eine Ausnahme gewesen sein, aber gut, der entspricht dann wohl noch nicht einmal dem chinesischen Schönheitsideal… Joachim Löw mit seinen schwarzen Haaren jedenfalls lieben alle.
Beim Public Viewing in Shanghai geht ein Quieken der weiblichen Fans durch die Menge, wenn die Fernsehkameras Joachim Löw einfangen. Bewunderndes Raunen, als unser Bundes-Jogi im Spiel gegen Serbien seine Wasserflasche auf den Rasen pfeffert. Ein junger Chinese spricht mich nach dem England-Spiel an: “You are German, right? Your coach… very handsome!” Hinter ihm steht seine schüchterne Freundin und nickt dabei eifrig mit ihrem Kopf. Chinesische Blogs und Internetforen sind voll mit Beiträgen und Themen zum deutschen Bundestrainer. Selbst die konservative Staatszeitung People’s Daily lässt sich hinreissen und kürt Joachim Löw zum hottest head coach at World Cup.
Gestern im Büro gratulieren mir die chinesischen Kollegen alle zum Einzug ins Viertelfinale. Das heisst, eigentlich sind sie längst auch alle zu fanatischen Deutschland-Anhängern mutiert. Im Fernsehen läuft zwar nach wie vor die QQ-Werbung mit Lionel Messi hoch und runter (”Nihao QQ.com!”), aber am Samstag werden wohl die meisten uns Deutschen bzw. unserem hottest head coach die Daumen drücken.
Wobei eine Sorge haben die Chinesinnen dann doch. So fragte mich meine Kollegin eben mit runzliger Stirn: “Und er ist ganz sicher nicht schwul?”
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