Im Stadion bei Shanghai Shenhua

Montag, 19 Oktober 2009, 13:44 | Kategorie : Stories |
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shanghai-shenhua-kurve

Shanghai ist ja wirklich eine Weltstadt, in der es einem an fast nichts fehlt. Wenn man mal von Familie und Freunden absieht, dann vermisse ich einzig die Bundesliga, meinen FC, die regelmaessigen Besuche im Rheinenergie-Stadion zu Muengersdorf…

Letzten Samstag habe ich aber beschlossen, etwas dagegen zu tun. Und so bin ich ins Hongkou Stadion gepilgert, um dort das Fussballspiel der Chinese Super League zwischen Shanghai Shenhua und Hangzhou Greentown zu verfolgen. Nun war die Partie auf den ersten Blick eher uninteressant: Shanghai 5. der Tabelle, Hangzhou auf einem abgeschlagenen 14.Platz. Und doch hatte die Begegnung es in sich…

Drei Spieltage vor Schluss trennten die Plaetze 1 bis 6 naemlich lediglich zwei Punkte, d.h. Shanghai hatte noch alle Chancen auf den Titel. Und dann dieses Spiel gegen einen vermeintlich schwachen Gegner. Aber auch da steckte mehr drin…

Letzte Saison hatte Shanghai naemlich am letzten Spieltag ebenfalls die Chance auf den Titel, brauchte lediglich drei Punkte aus dem Spiel gegen  Hangzhou… und verlor!

Ein typisches “Ausgerechnet!”-Spiel also, ein Entscheidungsspiel, das einiges an Spannung versprach.

Also sind wir mit der Metro Linie 3 zum Hongkou Stadion gefahren und haben uns den Luxus eines 80 RMB teuren Tickets fuer einen Platz auf Hoehe der Mittellinie gegoennt. Vor dem Spiel noch schnell eine abgestandene Cola vom Stadion-Caterer und dann rein ins Vergnuegen.

Von den 33.000 Plaetzen waren trotz des besonderen Spiels gerade einmal die Haelfte belegt. Dennoch war die Stimmung ziemlich gut. Hinter den Toren stand jeweils eine “blaue Wand” aus Shenghua-Fans und stimmte einen Gesang nach dem anderen an. Voellig isoliert in einem Oberrangblock – optisch ansprechend umrandet von einem Ring Polizisten und einem zweite Ring Soldaten – standen die gruenen und ebenfalls recht lauten Hangzhou Supporter. Ja, und bei uns auf der Geraden sassen dann eher die Gelegenheitsfans: ein paar Auslaender, Teenies auf einem Date, Frauen mit Sonnenschirmchen, kettenrauchende Besserwisser (Typ: Trainingskiebitz), etc… Alles in allem war die Atmosphaere jedoch durchaus beachtlich. Oder anders gesagt: Bei einem Heimspiel des VFL Wolfsburg ist weniger los.

Und dann ging’s los – puenktlich um 15:30 Uhr wie sich das fuer ein anstaendiges Fussballspiel geheort.

Nachdem Carsten Jancker und Joerg Albertz ihr Gatspiel in Shanghai laengst beendet haben, heissen die Stars bei Shenhua nun Vyacheslav Hleb (der kleine Bruder von Aliaksandr) und Yanko Valkanov, der Bulle aus Bulgarien. Waehrend Hleb im linken Mittelfeld spielt, ist Valkanov ein grobmotorischer Sturm-Tank, dem die chinesischen Verteidiger nicht viel entgegenzusetzen haben, der aber dennoch meist scheitert – an seinen mangelnden Torjaegerqualitaeten. Und dann ist da noch Mark Milligan. Der Australier mit der Nummer 3 besticht in erster Linie durch seine langen Einwuerfe, die ihm – nach einem Probetraining beim FC – zwar keinen Vertrag in der Bundesliga, dafuer aber das Praedikat “Publikumsliebling” in Shanghai eingebracht haben.

Allen voran Hleb und Valkanov waren auch die groessten Aktivposten in den ersten Minuten des Spiels, denn Shanghai Shenhua machte von Anfang an maechtig Druck, wollte die schnelle Fuehrung…

Nach 10 Minuten klingelte es dann auch das erste Mal: Shanghai war voellig verdient in Fuehrung gegangen. Anstatt nun aber nachzulegen, schaltete Shanghai einen Gang zurueck und das Spiel verflachte. Einziger verbleibender Hoehepunkt der ersten Haelfte war ein Ehestreit bei uns im Block, der sofort das Interesse der sensationsgeilen Chinesen weckte und das Spiel auf dem Platz zweitrangig erscheinen liess.

In der Halbzeit gab es keine Musikauftritte, keine Gewinnspiele, gar nichts. Sehr sympathisch.

Die zweiten 45 Minuten fingen an wie die letzten aufgehoert hatten: ein langweiliges Spiel auf niedrigem Niveau, beherrscht von Fehl- und Alibipaessen ohne zwingende Aktionen nach vorne. Shenhua verwaltete das Ergebnis, Hangzhou scheiterte an der mangelnden eigenen Qualitaet. Irgendwann kam dann doch nochmals etwas Feuer in die Partie. Nach einem rueden Foul der Gaeste kochten die Emotionen hoch und es schallten wuetende Schlachrufe durch das Rund: “Lu cheng sha bi” – lu cheng heisst Greentown, sha bi wortlich uebersetzt soviel wie dumme Fot***e.

Leider konnten sich die Spieler von Shanghai nichts von dieser Aggressivitaet der Fans abschauen und so kam, was kommen musste: Wenige Minuten vor Spielende kassierten sie den Ausgleich. Es blieb dabei, auch wenn Mark Milligan noch ein paar sehenswerte Einwuerfe ueber den halben Platz schleuderte und die Fans somit wieder ein wenig aufmunterte. Der Traum von der Meisterschaft ward jedenfalls vorbei. Wie im letzten Jahr, gescheitert an Hangzhou Greentown.

Zusatzinfos fuer Interessierte:

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3 Kommentare for “Im Stadion bei Shanghai Shenhua”

  1. 1Benem

    Sehr schoener Bericht, schoenes Foto auch mit den eingerahmten Fans von Greentown. Ist die Gewalt in chinesischen Stadien so hoch?

    Gruss:
    Ben

  2. 2Chineast

    Hi Ben, ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es in chinesischen Stadien zu Ausschreitungen kommt. Vielleicht mal ne kleinerei Prueglei unter zwei Streihaehnen am Rande, aber sonst sind die Chinesen sehr zahm bzw. ehrfuerchtig vor der Polizei. Was sie allerdings gerne und sehr oft machen, ist schimpfen wie die Rohrspatzen. Hatte dazu aber letztens schonmal was geschrieben, wo ein Fan zu 5 Tagen Knast verurteilt wurde, weil er ein bengalisches Feuer beim Fussball entzuendet hatte. Das war offenbar fuer chinesische Verhaeltnisse sehr krass – also das Feuer.

  3. 3MAZ

    keine Ahnung von meinem vfL aber sogar in China sich lustig machen.
    Sorry wer es als Kölner so nötig hat, bitte sehr.

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